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Feuilleton

Der nächtliche Anruf

Ein Kunde ruft an – nicht irgendeiner, sondern ein Facharzt mit eigener Praxis. Das Problem: Ausfälle in der Elektrik, verbunden mit verdächtigem Klopfen in der Hauptverteilung. Eine Mischung aus Alarmstufe Rot und völliger Ratlosigkeit.

Der Schaltschrank ist neu, die Komponenten hochwertig. Keine improvisierte Billiglösung – alles vom Markenhersteller, sorgfältig dokumentiert und abgenommen. Sämtliche vorgeschriebenen Elektroprüfungen bestanden. Genau deshalb ist der Anruf so überraschend.

Ein spontaner Mitternachtseinsatz und das außerhalb unserer Arbeitsstätte ist für uns äußerst selten, sodass derartige Ereignisse einprägend sind. Das veranlasste uns, umgehend den Verantwortlichen und Betreiber des ausführenden Elektrounternehmens aus dem Schlaf zu reißen.

Wenn der Chef im Schlafanzug kommt
Die Situation ist kritisch – und da gerade kein Techniker verfügbar ist, erscheint der Chef der ausführenden Elektrofirma persönlich. Im Mantel. Darunter: Schlafanzug. Kein Scherz, sondern Realität im handwerklichen Alltag.

Nach gründlicher Prüfung – nichts. Man einigt sich auf eine vertiefte Fehlersuche am nächsten Tag. Beim Verlassen der Arztpraxis wird das Licht ausgeschaltet – undplötzlich beginnt der Schaltschrank von innen zu leuchten.

Was nicht leuchten sollte
Die Verkleidung wird demontiert. Und dann zeigt sich das eigentliche Problem: Mehrere Sicherungsautomaten glimmen schwach auf den Sammelschienen. Eine Lichtquelle, die es eigentlich gar nicht geben dürfte.

Die Automaten tragen das Label eines renommierten Herstellers. Alles wirkt original – Aufdruck, Seriennummer, Gehäusefarbe. Bei späterer Prüfung zeigt sich: Es handelt sich um perfekte Fälschungen.

Gefälschte Markenware – mit Echtheitszertifikat
Der Großhändler hatte kostenbewusst eingekauft. Was nach wirtschaftlicher Optimierung klang, wurde zum Sicherheitsrisiko. Minderwertige Bauteile, die äußerlich den Originalen gleichen – inklusive Verpackung und angeblichen Prüfzeichen.

Dass die Komponenten alle Tests bestanden, sagt leider wenig über die tatsächliche Qualität aus. Die gefälschten Sicherungen funktionierten – bis sie eben nicht mehr funktionierten.

Ein doppelter Weckruf
Was bleibt, ist ein beschädigtes Vertrauen – beim Kunden ebenso wie beim Errichter. Die Anlage wird neu bewertet, alle kritischen Komponenten ersetzt. Der Schaden ist nicht nur materiell, sondern auch zeitlich und emotional nicht unerheblich.

Fazit
Markenware schützt nicht vor Fälschungen. Und technische Abnahmen erfassen nicht alles. Für Handwerksbetriebe, Planer und Betreiber bedeutet das: wachsam bleiben, Lieferketten hinterfragen – und notfalls auch mal nachts im Schlafanzug zum Einsatz fahren.